Sie kaufte einen gebrauchten Spiegel – aber nachts spiegelte er etwas wider, das nicht da war

Clara liebte Antiquitäten. Jeden Samstag schlenderte sie über den Flohmarkt und suchte nach kleinen Schätzen – Porzellantassen, alten Büchern, Vintage-Bilderrahmen. An diesem Morgen fiel ihr Blick auf etwas Besonderes: einen hohen, verzierten Spiegel, der an einem Stand lehnte. Sein Rahmen war mit seltsamen Mustern verziert, die zwar durch die Zeit verblasst, aber immer noch wunderschön waren.

„Wie viel kostet er?“, fragte sie den Verkäufer.

„Für Sie ein Schnäppchen“, antwortete er schnell, fast zu schnell. Clara bezahlte ohne zu zögern. Sie stellte sich vor, wie er in ihrem Flur hängen würde, das Licht reflektieren und den Raum größer wirken lassen würde. Am Nachmittag hing er bereits an ihrer Wand.

Zunächst schien alles perfekt zu sein. Tagsüber spiegelte der Spiegel den Raum ganz normal wider – das Sofa, die Bilder, die Blumenvase auf dem Tisch. Aber in dieser Nacht veränderte sich etwas.

Clara ging auf dem Weg zu ihrem Bett vorbei, gähnte und bemerkte es. Das Spiegelbild stimmte nicht überein. Sie blieb stehen und blinzelte. Im Spiegel war die Blumenvase verschwunden. Der Tisch war leer.

Ihr Puls beschleunigte sich. Sie drehte sich um und schaute direkt auf den Tisch. Die Blumen waren noch da. Sie schaute zurück zum Spiegel – leer.

„Ich bin nur müde“, sagte sie sich und eilte ins Bett.

Aber jede Nacht wurde das Seltsame schlimmer. Gegenstände verschwanden aus dem Spiegelbild und wurden durch andere ersetzt, die es nicht gab – ein alter Stuhl, den sie nicht besaß, eine Lampe mit einem zerrissenen Schirm, eine Tür, wo keine Tür sein sollte. Manchmal glaubte sie, Bewegungen zu sehen, Schatten, die direkt hinter dem Glas huschten.

In der vierten Nacht konnte sie nicht widerstehen. Sie stand vor dem Spiegel, starrte hinein und wartete. Minuten vergingen. Ihr Spiegelbild starrte zurück, blass und angespannt. Dann begann sich langsam eine andere Gestalt hinter ihr zu formen – verschwommen, undeutlich, aber unverkennbar menschlich.

Clara wirbelte herum. Der Flur war leer. Sie schaute zurück zum Spiegel. Die Gestalt war immer noch da, jetzt näher, den Kopf geneigt, als würde sie sie beobachten.

Ihr stockte der Atem. Sie stolperte rückwärts, bedeckte den Spiegel mit einer Decke, ihr Herz raste. In dieser Nacht schlief sie nicht, jedes Knarren im Haus wurde durch ihre Angst verstärkt.

Am nächsten Morgen schleppte sie den Spiegel in die Garage, entschlossen, ihn loszuwerden. Aber selbst dabei konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass sie beobachtet wurde.

Und als sie später am Flur vorbeikam, erstarrte sie.

Die Wand, an der der Spiegel gehangen hatte, war schwach umrissen, als ob noch immer etwas dort war – beobachtend, wartend – auch ohne das Glas.

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