Anna hatte immer geglaubt, ihr Kater Milo sei einfach nur etwas eigenartig. Er war anhänglich, verspielt und hatte die seltsame Angewohnheit, Wände anzustarren oder Schatten zu jagen. Sie lachte darüber und erzählte ihren Freunden: „Katzen sehen Dinge, die wir nicht sehen.“
Doch dann änderte sich Milos Verhalten.
Jeden Abend um 23:45 Uhr schlich er sich pünktlich ins Wohnzimmer und setzte sich in dieselbe Ecke. Seine Ohren waren angelegt, sein Fell gesträubt, und er starrte auf die leere Wand, als stünde dort etwas – oder jemand.
Manchmal fauchte er. Manchmal knurrte er. Einmal rannte er sogar aus dem Zimmer und versteckte sich bis zum Morgen unter dem Bett.
Anna versuchte, es zu ignorieren. Aber nach Wochen derselben Routine gewann ihre Neugierde die Oberhand.
Eines Nachts, als Milo in die Ecke schlich und erstarrte, folgte Anna ihm mit der Taschenlampe ihres Handys.
Zuerst sah sie nichts. Nur eine Wand, deren Farbe in Bodennähe leicht abblätterte. Aber Milos Schwanz schlug hin und her, seine Augen waren weit aufgerissen. Er begann, mit den Pfoten an der Wand zu kratzen und miaute mit schrillen, drängenden Schreien.
Mit klopfendem Herzen drückte Anna ihre Hand gegen den Putz. Er fühlte sich kalt an. Zu kalt.
Sie klopfte. Der Klang war hohl.
Am nächsten Tag rief Anna einen Handwerker, um nachzusehen. Er klopfte an der Wand, runzelte die Stirn und brach dann ein Stück Putz weg. Staub trübte die Luft.
Dahinter befand sich ein versteckter Hohlraum. Und darin – in ein verblichenes Tuch gewickelt – lag eine Schachtel.
Annas Brust zog sich zusammen. Der Handwerker murmelte: „Das sieht alt aus. Sehr alt.“
Mit zitternden Händen zog sie es heraus. In der Schachtel befanden sich seltsame Gegenstände: ein zerbrochenes Medaillon, ein Bündel mit Schnüren zusammengebundener Briefe und ein Foto eines kleinen Mädchens.
Aber was Anna wirklich eine Gänsehaut bereitete, war der letzte Gegenstand: ein Tagebuch. Der letzte Eintrag lautete:
„Er kommt nachts. Ich kann ihn flüstern hören. Ich habe versucht, es ihnen zu sagen, aber niemand glaubt mir. Wenn du das findest, schau nicht in die Ecke.“
Anna wurde eiskalt.
In dieser Nacht saß sie im Wohnzimmer und konnte ihren Blick nicht von der Ecke abwenden, die Milo immer anstarrte.
Und tatsächlich, um 23:45 Uhr schlich sich die Katze herein. Sie starrte auf die Wand, wedelte mit dem Schwanz und fauchte dann lauter als je zuvor.
Anna hielt den Atem an.
Denn diesmal sah sie es auch.
Den schwachen Umriss eines Schattens. Der sich bewegte.
Und als sie Milo ansah, waren seine Augen nicht mehr nur auf die Wand gerichtet.
Sie waren auf etwas fixiert, das direkt hinter ihr stand.
