Sophie liebte es, in Secondhandläden zu stöbern. Es hatte etwas Aufregendes, in staubigen Ecken zu wühlen, ohne zu wissen, welchen Schatz – oder welche Kuriosität – sie entdecken würde. An einem regnerischen Samstag fand sie einen alten Bilderrahmen aus Holz. Das Glas war zerkratzt, die Ecken abgeplatzt, aber er hatte Charakter. Für nur ein paar Dollar konnte sie nicht widerstehen.
Als sie nach Hause kam, entfernte Sophie vorsichtig die Rückwand, um ihn zu reinigen. Da bemerkte sie, dass sich darin noch ein altes Schwarz-Weiß-Foto befand. Als sie es genauer betrachtete, hätte sie es fast fallen lassen.
Es war sie.
Nicht nur jemand, der ihr ähnlich sah. Die Frau auf dem Foto hatte Sophies Gesicht, ihre Augen, ihr markantes Muttermal auf der linken Wange. Doch das Bild war mit 1929 datiert – Jahrzehnte bevor Sophie überhaupt geboren wurde.
Ihre Hände zitterten, als sie es genauer betrachtete. Das Foto zeigte eine Gruppe von Menschen, die vor einem Haus standen und Kleidung aus dieser Zeit trugen. Sophie war unter ihnen, ihren Arm in den eines Mannes gehakt, lächelnd, als gehöre sie dorthin.
Verwirrt und beunruhigt brachte sie das Foto zu ihrer Großmutter, der einzigen lebenden Verwandten, die vielleicht mehr wissen könnte. In dem Moment, als der Blick ihrer Großmutter auf das Foto fiel, wurde ihr Gesicht blass.
„Das bist nicht du“, flüsterte sie. „Das ist … meine Schwester Eleanor.“
Sophie stockte der Atem. Sie hatte noch nie von einer Eleanor gehört.
Ihre Großmutter erklärte mit zitternder Stimme: Eleanor war verschwunden, als sie in ihren Zwanzigern war. Eines Abends verließ sie das Haus und kehrte nie zurück. Die Familie suchte jahrelang nach ihr, aber sie wurde nie gefunden. Schließlich wurde ihr Name aus den Gesprächen der Familie gestrichen – es war zu schmerzhaft, ihn zu erwähnen.
Sophie starrte erneut auf das Foto. Es war nicht nur die Ähnlichkeit. Es war genau dasselbe Gesicht. „Aber … wie kann sie mir so ähnlich sehen?“
Ihre Großmutter griff nach Sophies Hand. „Weil du ihr Gesicht hast. Die Leute in unserer Familie haben immer gesagt, dass sie eines Tages zurückkommen würde. Vielleicht … ist sie das schon.“
In dieser Nacht konnte Sophie nicht schlafen. Sie ließ das Foto auf ihrer Kommode liegen, aber im Mondlicht schien ihr das Lächeln auf „Eleanors“ Gesicht schärfer und wissender zu sein. Als ob die Frau auf dem Foto etwas verstand, was Sophie noch nicht begriffen hatte.
Als Sophie am nächsten Morgen das Foto holen wollte, war es verschwunden. Der Rahmen stand leer auf ihrer Kommode.
Niemand sonst hatte ihr Zimmer betreten. Und obwohl sie jeden Zentimeter ihres Hauses absuchte, wurde das Bild nie wieder gefunden.
Bis heute fragt sich Sophie: War es wirklich das Foto einer längst verstorbenen Verwandten … oder der Beweis, dass manche Gesichter und manche Seelen immer wieder zurückkehren?
